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Hexenfolter
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Um einen ganzen Fuß (ca. 30 cm) in die Länge gezogen lag Kathrin dort. Ihr Körper war um die Seiten so schmal, daß man ihn mit beiden Händen hätte umfassen können. Scharf zeichneten sich Rippenbögen und Beckenknochen unter der Haut ab.
Meister Hämmerlein hatte die Seilwinde blockiert und ging langsam um die Streckbank herum.
"Hübsch, hübsch, noch eine Haaresbreite und deine Knochen brechen wie dürre Zweige. Möchtest du, daß ich weiter drehe?"
Schwach wiegte Kathrin ihr Haupt von der einen zur anderen Seite. Ihr Atem ging schwer und pfeifend.
"Laßt mich hier runter."
Ein bitteres Lächeln huschte über die Lippen des Henkers.
"Das liegt allein an dir. Wenn du gestehst, dann bist du von der Folter frei."
Kathrin nickte.
"Ja, ich will gestehen. Bitte, laßt mich hier runter."
Bestürzung hatte mich erfaßt. Ungeachtet der Dornen, riß ich meinen Kopf in die Höhe.
"Nein! Du darfst nichts gestehen."
Behutsam legte Kathrin ihr Haupt zur Seite und sah zu mir.
"Verzeih' mir, aber ich kann nicht mit ansehen, wie du meinetwegen leidest."
Ich wollte etwas entgegnen, doch da traf mich eine kräftige Ohrfeige. Sebastian hatte zum Schlag ausgeholt.
"Schweig', du Hure, oder es wird dir übel bekommen."
Er nahm darauf ein Tuch und stopfte es mir in den Mund.
Der Inquisitor hatte sich von seinem Platz erhoben und war zu der Streckbank gegangen. Zufrieden hörte er, was ihm Kathrin sagte. In mir sträubte sich alles, als sie vom Teufel erzählte und wie dieser mit ihr geschlechtlichen Umgang gepflegt haben soll. Woher hatte sie das alles?
Schließlich lockerte der Henker die Winde.
Kathrins Körper schien zu schrumpfen. Sie stöhnte laut und schluchzte in ihrer Erlösung.
Nun kam der Inquisitor zu mir. Sein Gesicht zeigte Genugtuung.
"Du hast das Geständnis deiner Schwester gehört. Wenn sie eine Hexe ist, dann finde ich es sehr unwahrscheinlich, daß du so gar nichts mit dem Satan zu tun hast. Also, wie ist es, möchtest du nicht auch deine Teufelsbuhlschaft beichten?"
Mir wurde das Tuch wieder aus dem Mund gerissen.
Ich rang verzweifelt nach Worten.
"Aber, Herr, ich bin doch keine Hexe. Auch meine Schwester ist unschuldig. Sie hat das alles nur gesagt, weil sie die Folter nicht mehr ertragen konnte."
Der Blick des Inquisitors verdüsterte sich.
"Du bist eine verstockte Dirne. Aber vielleicht wirst du geständig, wenn du auf dem Hölzernen Esel sitzt und der Meister dich mit Schwefelfedern be..."
Ein Aufschrei unterbrach seine Rede. Kathrin hatte sich von der Streckbank erhoben.
"Nicht! Nein! Sie ist keine Hexe! Ich nehme alles wieder zurück. Ich habe mir das Ganze nur ausgedacht, damit mir der Henker nicht die Knochen zerbricht."
Die krause Stirn des Inquisitors verriet Enttäuschung. Doch er faßte sich schnell und hob kurz die Schultern.
"Dann werdet ihr eben beide auf den Hölzernen Esel steigen."
Die Rötingerbrüder klopften sich vergnügt auf die Schultern.
Ralf begab sich zu der Streckbank und faßte Kathrin bei den Armen.
"Komm, mein Hexlein, wir wollen jetzt ein wenig reiten."
Der Henker nahm mir den Daumenstock von der Brust und löste meine Fesseln. Ich durfte mich erheben und das restliche Wasser in den Eimer erbrechen. Jetzt spürte ich erst richtig, wie tief die Dornen in meinen Rücken gedrungen waren. Doch ließ mir der Gedanke an die bevorstehende Tortur diesen Schmerz nur gering erscheinen.
Kathrin und ich wurden zu einem Gestell geführt, das einem nach oben dachförmig zusammenlaufenden Sarg ähnelte, der auf zwei hochbeinigen Böcken stand. Über diesem Esel befand sich ein Seilaufzug. Meine Schwester und ich mußten uns Rücken an Rücken stellen und die Arme heben, so daß der Meister unsere Hände an das Seil binden konnte. Für einen Augenblick dachte ich daran, mich zu wehren, doch Sebastian packte mich sogleich bei den Armen und zwang sie mir wieder in die Höhe.
"Willst du dich widersetzen?!"
Mir wurde die Torheit meiner Tat bewußt. Ich wollte meine Ausrutscher wieder gutmachen und bemühte mich um Leutseligkeit.
"Nein, Herr, verzeiht. Ganz im Gegenteil, ich bin schon neugierig, wie es ist, wenn man auf dem Ding dort reitet."
Sebastian war überrascht, doch dann zeigte er sich belustigt.
"Ich bin auch schon neugierig, besonders auf das siedendheiße Pech, mit dem ihr beworfen werdet."
Ich versuchte zu lächeln.
"Pech? Das hört sich vielsagend an. Sicher ist es eine grausame Folter."
Sebastian lachte gehässig.
"Und ob, ich werde dir das Zeug persönlich auf den Leib brennen."
Darauf zog Meister Hämmerlein Kathrin und mich bis unter die Decke. Genau unter uns befand sich nun der First des Sarges. Von jeder Seite griffen die Brüder nach unseren Beinen und spreizten sie. So ließ uns der Henker wieder langsam herab, bis wir auf der Kante des Esels zu sitzen kamen. Ich fühlte, wie das scharfe Holz in mein Fleisch schnitt.
Verzagt stöhnte Kathrin.
"Gabi, wollen wir nicht doch lieber sagen, daß wir Hexen sind. Dann hat alles ein Ende."
Ich wendete mein Gesicht soweit es ging nach hinten.
"Nein, dann verbrennen sie uns auf dem Marktplatz. Das ist schlimmer als Pech und Schwefel und alle anderen Martern zusammen."
Kaum, daß ich dies ausgesprochen hatte, da wurde die Tür aufgestoßen.
Kathrin und ich erschraken beim Anblick zweier bewaffneter Stadtknechte. Mit gezogenem Degen schauten sie sich um und als sie den Inquisitor erblickten, sprangen sie auf ihn zu.
"Im Namen des Herzogs, Ihr seid verhaftet."
Kreidebleich wich der Inquisitor zurück.
Die Kumpane der Rötingerbrüder ließen die Humpen sinken und sahen sich verwundert an.
Ralf flüchtete sich zu uns hinter den Esel.
Einzig Sebastian behielt seinen Mut und stellte sich den Knechten in den Weg.
"Was hat das zu bedeuten? Wir befragen zwei Hexen und ihr..."
Ein Faustschlag ließ Sebastian zu Boden stürzen.
"Halts Maul! Wir stehen im Dienste des Herzogs und sind niemandem Rechenschaft schuldig."
Ungehindert packten die Waffenknechte den noch immer verdutzten Inquisitor.
"Ihr seid verhaftet!"
Ohne eine weitere Begründung zerrten sie ihn mit sich hinaus.
Kathrin und ich begriffen nichts von dem, was geschehen war. Auch die sonst Anwesenden waren völlig fassungslos. Das änderte sich schlagartig, nachdem unser Vater gemeinsam mit dem Bürgermeister die Folterkammer betreten hatte. Als Vater uns erblickte, schlug er dem Henker ins Gesicht und befahl ihm, uns von dem Gestell zu nehmen.
Nun erfaßten die Rötingerbrüder die Situation. Hals über Kopf ergriffen sie zusammen mit ihren Kumpanen die Flucht.
Endlich festen Boden unter den Füßen, sammelte Kathrin ihre Kleider vom Boden und zog sich hastig an. Ich griff ebenfalls nach meinem Unterhemd und streifte es mir über.
Vater nahm uns in den Arm und brachte uns aus dem schrecklichen Gewölbe. Er hatte in Speyer die Aufhebung des Prozesses gegen uns erwirkt. Zurückgekehrt sprach er beim Herzog vor. Dieser zeigte sich der Klage geneigt und schickte sofort die beiden Knechte los, um uns zu befreien. Vater bekam seine Ämter wieder. Die Familie der Rötinger hatte alle Kosten zu tragen, die durch den Prozeß entstanden waren. Zudem bekamen sie eine empfindliche Geldstrafe. Der Inquisitor wurde nun statt unser in das Verlies gesperrt. Zwei Tage später war er tot. Der Henker untersuchte den Leichnam und fand das Genick gebrochen. Im Steinboden entdeckte man den Abdruck eines Geißfußes, so daß die Sage aufkam, der Teufel habe ihn geholt.
- Ende -
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